Gründung


Am 28.03.2016 fand im ehemaligen Unterrichtsraum des Lichtschulheimes Glüsingen / Betzendorf in der Lüneburger Heide die Gründungsversammlung des Bund junger Naturisten (BjN) statt.

 

Namhafte Funktionsträger aus bündischen und naturistischen Vereinen und Verbänden zählen zu den Gründungsmitgliedern.

Selbst Jörg Fränzel (93 Jahre, Sohn des Gründers des Lichtheideheims) hat es sich nicht nehmen lassen, als Gründungsmitglied des BjN dieses Projekt zur Förderung der Jugend zu unterstützen.

 

Initiatoren des neuen Bundes nach alter Tradition sind Andreas Fischer, Sören Mathias und Kurt Fischer. Sie versuchen mit diesem Projekt, zusammen mit anderen aktiven Mitstreitern aus dem Bereich des Bündischen und der Freikörperkultur, eine Nische in diesem Bereich zu füllen.

Die Erklärungen über das Ziel und den Zweck des BjN wurden von allen Teilnehmer/-innen der Gründungsversammlung lobend entgegen genommen.

 

Der BjN soll mit klassischer Jugendarbeit, bündische Traditionen, jugendbewegte Werte, im Zusammenhang mit einer naturistischen Ausrichtung der Veranstaltungen, vermitteln. Die Partizipation der Kinder und Jugendlichen soll prägnant im Mittelpunkt des Bundes stehen.


Gründungsort


Lichtschulheim Lüneburger Land (LLL)

Aus dem Geist der Jugendbewegung und des Wandervogels entstand 1919 in Glüsingen ein Vegetarisches Ferienheim, ab 1927 verbunden mit dem Lichtschulheim Lüneburger Land, dem LLL, einer höheren Schule für Jungen und Mädchen nach den Grundsätzen der Lebensreform und der Freikörperkultur. Nach deren Schließung durch das Hitler-Regime, 1933, wurde das Lichtheideheim als FKK-Feriengelände unter Schwierigkeiten weitergeführt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Glüsinger Gelände bei stark gestiegenem Gästezustrom zu einem über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannten naturnah und kulturell geprägten Naturisten-Zentrum.

 

Nach den grauenvollen Erlebnissen der Kriegszeit, dem Hunger im Steckrübenwinter, dem Vermögensverlust durch die extreme Inflation erwachte der Wunsch nach einem völlig anderen Neuanfang. An vielen Orten kam es zur Gründung von Landkommunen, in denen unter einfachen und bescheidenen Verhältnissen Gartenbau und Handwerk kultiviert wurde.

 

Diese Gründer kamen aus der Jugendbewegung und dem Wandervogel, Gruppierungen, die sich bereits seit der Zeit um 1900 aus der Ablehnung des wilhelminischen militärisch geprägten Obrigkeitsstaates gebildet hatten. Von der 'Freideutschen Jugend' war 1913 auf dem Hohen Meißner die 'Meißnerformel' beschlossen worden: „aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten....“. Hinzu kamen Lebensreformer, die gesunde Kleidung und Ernährung, ein Leben in frischer Luft und Sonne im Einklang mit der Natur propagierten.

Der Gärtner Erich Martin konnte 1919 in Glüsingen einen alten Bauernhof mit etwas Land erwerben. Mit gleichgesinnten Freunden, unter anderen dem Drechsler Muck Lamberty, baute er das niedersächsische „Zweiständer-Hallenhaus“ und die Scheune zur Nutzung als 'Vegetarisches Ferienheim' um.

 

Sieben Morgen Land wurden nach Steiner biologisch-dynamisch mit vielerlei Gemüse und Obst bewirtschaftet. Brot gab es aus dem Bauern-Backofen, Milch aus dem Ziegenstall.

Martins Mitarbeiter wechselten oder verschwanden. Muck zog es bald nach Thüringen, wo er mit seiner „Neuen Schar“ von Ort zu Ort ziehend die Menschen mit Volkstänzen und Liedern und in Reden für eine neue Volksgemeinschaft begeisterte. Martins Gäste genossen die gesunde Luft, die Sonne, die neuartige vegetarische Kost, waren aber nicht so eifrige Gartenarbeiter, wie er sich das gedacht hatte. Enttäuscht entschloss sich Martin, das Anwesen zu verkaufen.

 

Auf der Suche nach einem geeigneten Landschulheim hatte der Pädagoge Doktor Walter Fränzel viele derartige Schulen besucht, aber keine gefunden, in der er seine Ideen und Vorstellungen verwirklichen könnte. Auf Wanderfahrten mit Schülern war er auch schon bei Martin gewesen. Nun erwarb er Martins Besitz um hier eine höhere Schule für Jungen und Mädchen entsprechend seiner Vorstellung zu gründen, das Lichtschulheim Lüneburger Land, kurz 'LLL'.

Fränzel hatte in Jena studiert. In Begeisterung für die Jugendbewegung hatte er sich dort dem vom 'Sera-Vater' und Verleger Eugen Diederichs geleiteten 'Sera-Kreis' angeschlossen. Er war 1913 mit auf dem Hohen Meißner, wo die Sera-Leute Goethes Iphigenie aufführten. Nach dem Kriege leitete Fränzel in Jena das Jugendheim der Zeiß-Werke, gründete in Thüringen Volkshochschulen und Jugendherbergen, veranstaltete Ausstellungen, u.a. auch für den Jugendstil-Maler Fidus.

 

Der Geist dieses Sera-Kreises, also Wanderfahrten, Sonnwendfeiern, Volkstanz und Volkslied, für Laien-Theater, den Sinn für Kunst, Kultur und Literatur, für fremde Völker und Kulturen hat Dr. Fränzel für dauernd geprägt. Diesen Geist, verbunden mit den Gedanken der Lebensreform, insbesondere Vegetarismus und Freikörperkultur, übernahm er in das Programm seiner Schulgründung.

 

Parallel zum Schulbetrieb, mit zunächst nur etwa einem halben Dutzend Schüler/innen, war das 'Vegetarische Ferienheim' weiterhin für FKK-Gäste geöffnet, was sich besonders während der Sommerferien anbot. Im nahen Wald wurde dafür ein größeres Heide-und Wacholdergebiet hinzu gepachtet.

 

Für ein paar Sommerwochen wurde der Schulbetrieb im übrigen in Paul Zimmermanns 'Freilichtpark Klingberg' am Pönitzer See, nahe der Ostsee, später zum FKK-Gelände 'Jungmöhl' am Plauer See in Mecklenburg, verlegt.

Eine Schule, in der vorurteilsfreies Nacktsein, bei Sport und Spiel, beim Baden und Aktzeichnen oder Theaterspiel wie selbstverständlich zum Programm gehörte, war einzigartig 'auf dem Kontinent'. In England gab es eine solche Gründung: Professor Faithfulls 'Priory Gate School' in Norfolk, mit der durch eine Schul-Studienfahrt nach England Verbindung aufgenommen wurde. Professor Faithfulls Sohn Glynn war für einige Zeit Schüler – und Englisch-Lehrer – in Glüsingen.

Durch Werbung und Anzeigen in einschlägigen Zeitschriften wurde das Lichtschulheim weithin bekannt.

 

Aus europäischen Ländern und sogar aus Übersee, aus Nord- und Südamerika, sogar aus Ostasien, aus China und Sarawak, kamen interessierte Journalisten oder Pädagogen, um diese bemerkenswerte neue Schulart kennenzulernen.

Solcher Besuch von Ausländern war stets eine willkommene Bereicherung für den Schulbetrieb.

Gelegentlich hielten Vertreter aus der Lebensreformbewegung Vorträge. Vorbild war die Gymnastik des FKK-Sportlehrers Hans Surén. Der schweizer Weltreisende und Lebensreformer Werner Zimmermann sprach über seine Erfahrungen in Indien, in Süd- und Ostasien, in Mittelamerika.

 

Zu allen nur möglichen Gelegenheiten wurden Theaterspiele eingeübt und aufgeführt. Zu Ostern aus dem 'Faust' der Osterspaziergang. Auch das Planetenspiel von Ina Seidel, Goethes Satyros, oder die Schwänke von Hans Sachs.

Im Dritten Reich, im Sommer 1933, wurde das Lichtschulheim unangekündigt durch Dekret der neuen Machthaber geschlossen.

 

Eine lebensreformerische und weltoffene Schule wie diese in Glüsingen passte nicht zur militärisch und rassistisch ausgerichteten Weltanschauung des Dritten Reiches. Merkwürdigerweise erhielt Dr. Fränzel die Genehmigung, seine Kinder und einen weiteren Jungen weiterhin privat zu unterrichten. Verboten wurden zunächst auch alle Freikörperkultur-Vereine und -Gelände. Später besann man sich und genehmigte sie unter der Bedingung, nur Mitglieder 'arischen oder artverwandten Blutes' aufzunehmen und sich dem neu gegründeten Bund für Leibeszucht, zu unterstellen. Dr. Fränzels Argumente, Juden hätten einen großen Anteil an deutscher Kultur und Wissenschaft, waren vergeblich.

 

Um weiterhin ein Naturisten-Gelände zu führen mußte er zustimmen, nahm jedoch mit etwas Vorsicht auch weiterhin jüdische Gäste auf. Heim und Gelände firmierten nun unter 'Lichtheideheim Glüsingen'.

 

Ein Schwimmbad wurde gebaut. Wegen mangelhafter Zementzuteilung – der 'Siegfriedwall' zur Verteidigung gegen Frankreich wurde zementiert! - war es immer wieder undicht. Im zweiten Weltkrieg war Dr. Fränzel als Dolmetscher auf der Festung Königstein in der 'Sächsischen Schweiz' zur Betreuung der gefangenen französischen Generäle eingesetzt. Von einer dort entstandenen schweren Erkrankung erholte er sich erst einige Jahre nach Kriegsende.

Inzwischen waren durch die Kriegsereignisse in Glüsingen alle Gästezimmer und Hütten mit Ausgebombten aus Hamburg und mit Vertriebenen aus dem Osten belegt worden. Erst ab etwa 1950 konnten wieder Gäste aufgenommen werden.

 

In den kommenden Jahren stieg der Gästezustrom erheblich an. Auch ausländische Gäste kamen wieder, insbesondere aus Holland. Eine Pächterfamilie besorgte die vegetarische Küche und die Beherbergung. Manchmal waren über hundert Mittagsgäste anwesend.

Dr. Fränzel hielt die Gäste zum Morgenlauf und zum Faustball an, sorgte wie früher für Veranstaltungen, Zu Ostern waren alle Kinder des Dorfes zum Eiersuchen eingeladen; Theateraufführungen, Gedichte und Ständchen zu jedem Anlaß, auf dem Tasilea-Platz gab es mindestens einmal wöchentlich Tanz-Sing-Lese-Abend.

 

In regelmäßigen Rundschreiben wurden die Gäste über den Betrieb in Glüsingen informiert, so auch einmal über das muntere 'Badeleben im 'Glüsinger Meer'', einem Rundbecken von drei Meter Durchmesser! Ein Segler nahm das ernst und kam mit seiner 8m-Yacht angefahren!

Anfang der Siebzigerjahre – Dr. Fränzel erlebte es nicht mehr – endete das spartanische Leben auf dem Glüsinger Gelände: Die Behörden erfanden die 'Zelt- und Campingplatz-Verordnung'. Nun wurde geregelt, dass Plumpsklos und kalte Dusche im Freien nicht mehr zeitgemäß seien. Im Niedersachsenhaus dürften wegen zu niedriger Deckenhöhe keine Mahlzeiten serviert werden! Seitdem also nur Selbstversorgung der Gäste. Der neuen Verordnung wurde Rechnung getragen durch den Bau eines Sanitärgebäudes, einer Sauna, und eines neuen Schwimmbades, Strom- und Wasseranschlüsse verteilt auf dem Gelände angelegt. Es wurde aber darauf geachtet, dass das parkartig-natürliche Erscheinungsbild erhalten bleibt. Bodenversiegelung und Asphaltwege gibt es also nicht.

Das fast fünfhundert Jahre alte Fachwerkhaus ist nach einiger Restaurierung und Umbauten zum Teil wieder für die Gäste nutzbar, zum Aufenthalt und für Veranstaltungen.

Zusätzlich zu den weiterhin vorhandenen älteren einfachen Geländehütten wurden im oberen Teil des Geländes einige komfortable Hütten in Blockbohlenweise und isoliert errichtet. Diese haben außer Strom auch Wasseranschluß, auch warm, Duschraum mit Toilette, moderne Küche. Auch Naturisten werden älter, und womöglich behindert. Die neuen Hütten, zu denen Autozufahrt besteht, ermöglichen auch diesen einen unbeschwerten Urlaub in Lichtheideheim Glüsingen.

Quelle: --> Webseite des LLL